Bye, Bye, Studienjahr!

Auch wenn viele von uns den Eindruck haben, erst vor wenigen Tagen die Zimmer im Studienhaus Beit Josef bezogen, ihre Koffer ausgepackt und erste Erkundungsgänge in die Altstadt unternommen zu haben: Das 41. Theologische Studienjahr wurde am Sonnabend mit einem feierlichen Gottesdienst offiziell beendet. Acht Monate Studieren und Leben in Jerusalem liegen hinter uns – nun geht es nach den Osterfeierlichkeiten zurück gen Heimat.

Eines wurde uns schon in den ersten Tagen in Jerusalem klar: TRADITION wird im Theologischen Studienjahr groß geschrieben. Vermutlich gehört es auch zu den geschriebenen und ungeschriebenen Traditionen des Studienjahres, dass einen das jähe Ende zwischen Exkursionen, Referaten und Vorlesungen kalt überrascht. Da besucht man mit Christoph Markschies munter die Lauren der Wüstenväter (gemeint sind Einsiedeleien, keine Liebschaften!), feiert die Profess von Bruder Nathanael und Bruder Simeon, lauscht gebannt dem Vortrag der palästinsischen Menschenrechtlerin Sumaya Farhat Nassar und besichtigt mit Gunnar Lehmann wichtige archäologische Ausgrabungsstätten in der Schefela – und dann heißt es plötzlich: Abschlussreflexion verfassen, den Abschlussabend vorbereiten und für einige von uns: packen.

Nun hängt Abschieden und Rückblicken stets eine verklärende Tendenz an – zweifelsfrei lässt sich jedoch festhalten, dass das Studienjahr für viele von uns zu einer in vielerlei Hinsicht prägenden Zeit geworden ist. Sei es die Auseinandersetzung mit archäologischen Fragestellungen, die ein neues Licht auf biblische Kontexte werfen, seien es interkonfessionelle Auseinandersetzungen um Streitfragen nach dem freien Willen, dem Amtsverständnis oder ethischen Entscheidungen, seien es interreligiöse Auseinandersetzungen, wie sie etwa in christlich-islamischen Werkstattwochen oder im Kontext von judaistischen Vorlesungen aufkamen oder die Auseinandersetzung mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt, durch den uns Tamar Avraham auf eine sehr ausgewogene und eindrückliche Weise geführt hat – das Studienjahr hat zumindest für den Autoren das eingelöst, was uns am Anfang der gemeinsamen Zeit prophezeit wurde: Jerusalem verändert das theologische Denken.

Zu den ungeschriebenen Traditionen des Studienjahres gehört es auch, dass jeder Jahrgang sich mit einem bunten Bild im Tunnel verewigt. Das eine Jahr schreibt sich durch eine Straßenbahn in die Tradition ein, das andere durch eine Mikwe – wir werden wohl als das Studienjahr in die Geschichtsbücher eingehen, das den hippopotamischen Kult in der südlichen Levante auf die Bühne der Wissenschaft gehobe hat (wofür sonst die überdimensionalen Becken, die in der Literatur fälschlicherweise aus Mikwen bezeichnet werden?).

Spaß beiseite: Jedes Studienjahr prägt eine gewisse Dynamik und ein gewisser Horizont. Und vermutlich setzt sich jedes Studienjahr mit Geschichten und Legenden über vorherige Jahrgänge auseinander, die von außen herangetragen werden. Wie wir uns in die Tradition des Studienjahres einordnen – viele weisen uns darauf hin, dass dies „nüchtern“ geschehen sei, was auch immer das konkret bedeutet – sollen andere bedenken, fest steht: das Studienjahr hat viele von uns in unermesslicher Weise bereichert. Dies akademisch, aber auch durch zahlreiche Eindrücke, persönliche Auseinandersetzungen und Freundschaften.

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Nun geht es weiter – zurück in die Heimat, wo Jerusalem hoffentlich mitschwingen wird. Von Zion wird Weisung ausgehen – mit diesem Bibelwort haben wir programmatisch unseren Abschlussgottesdienst überschrieben. Es sei gleichsam Anspruch und Zuspruch.

Vielen Dank an alle Lehrenden und Studierenden, an alle Brüder und Volontierenden sowie allen Menschen, die Jerusalem ein Gesicht gegeben haben, für die prägende Zeit – und an alle Lesenden für das Interesse und die Anteilnahme! Ein gesegnetes Osterfest!

Unser letztes großes gemeinsames Abenteuer: Auf den Spuren der Kreuzfahrer in Galiläa

In der Ferne locken Abenteuer, unvorhergesehene Karrierechancen und – nicht zu unterschätzen – die Vergebung aller Sünden: Im 11. Jahrhundert sattelten westeuropäische Ritter ihre Pferde und zogen los – in das Heilige Land, um die Stätten des Christentums aus den Händen ungläubiger Muslime zu befreien und christlichen Pilgernden sicheres Geleit zu gewähren. Am 15. Juli 1099 konnten die Kreuzfahrer Jerusalem einnehmen. Christliche Nächstenliebe ließen sie dabei nicht walten, wie der Historiker Simon Sebag Montefiore beschreibt: „(…) in rasender Wut töteten die Franken alle, die ihnen in Straßen und Gassen unterkamen. Sie schlugen ihnen nicht nur die Köpfe, sondern auch Hände und Füße ab und schwelgten in den sprudelnden Fontänen reinigenden Blutes der Ungläubigen“ (ders., Jerusalem. Die Biographie, Frankfurt am Main 32013, S. 309).

Ende Februar machten wir uns auf die Spuren der Kreuzfahrer. Eine erste Etappe führte uns gen Westen in die Küstenebene nach Lydda: Die Stadt gewann als Geburts- und Bestattungsort des Heiligen Georg (nicht unseres Studienassistenten) im vierten Jahrhundert an Bedeutung – auch im Islam. Mit der Gründung von Ramla durch die Umayyaden schwand die Bedeutung der Stadt jedoch rapide. Nach einer Falafel-Pause ging es weiter gen Norden: Die Kreuzfahrer nutzen in Apollonia die Küste zur natürlichen Verteidigung.  Apollonia teilt ihr Schicksal mit vielen anderen Kreuzfahrerburgen – nämlich die Einnahme durch Sultan Saladin und einige Jahrzehnte später die Zerstörung durch Baibas. Genug der Militärgeschichte:  Patrick führte uns abschließend durch Emmaus-Nicopolos, einem möglichen Schauplatz der biblischen Erzählung von der rätselhaften Begegnung der Jünger mit dem Auferstandenen (Lukas 24).

Müde fiel das Kreuzfahrer-Heer bei Sonnenuntergang wieder in das Beit Josef ein, wo Speis und Trank im Ritter-, pardon: Speisesaal, warteten. Im Morgengrauen wurden die Reittiere gesattelt – die nächsten Schlachten lockten im Norden des Landes. Nach einem kurzen Zwischenstopp an der Herberge „Zum Barmherzigen Samariter“ auf der Strecke nach Jericho, wo sich zahlreiche Mosaiken bestaunen ließen, nahmen wir die Kreuzfahrerburg von Belvoir in der Nähe von Bet-Schean ein – der Aufstieg (zugegeben: wir haben den Bus aufsteigen lassen) wird mit einem sagenhaften Blick über das Jordantal belohnt. In Tiberias erkundeten wir die Ankerkirche und wandelten an der Strandpromenade auf den Spuren der Kreuzfahrer, bevor wir unsere Zelte im Beit Noah in Tabgha aufschlugen und uns von den Strapazen des Tages mit einem beherzten Sprung in den Pool erholten.

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Die massiven Verteidigungsanlagen, welche die Europäer in die südliche Levante importierten, dienten schließlich auch den muslimischen Regenten als Vorlage für eigene Bauprojekte: die Burg Nimrod kann beispielsweise als muslimische Kopie von Burgen aus der Kreuzfahrerzeit verstanden werden. Hier wie in Montfort bot sich ein sagenhafter Blicke über Galiläa. Schließlich durfte auch die Inszenierung der einschneidenden Schlacht an den Hörnern vor Hattin, in welcher die Kreuzfahrer gegen den ayyubidischen Sultan Saladin 1187 ihre größte militärische Niederlage erlebten, nicht fehlen. Die Schlacht führte zum Verlust großer Teile der Outremer einschließlich des Königreichs Jerusalem an die Muslime.

Leider beschränkten sich die kriegerischen Handlungen in Galiläa nicht nur auf das Mittelalter – durch den israelischen Unabhängigkeitskrieg wurde in der Neuzeit ein Großteil der palästinensischen Bevölkerung im Norden Israels vertrieben – wie etwa in Safed. Die Stadt gilt als Hochburg der Kabbala – einer mystischen Strömung des Judentums. Hier wirkte auch der berühmte Rabbiner Josef Caro, der das halachische Standardwerk „Schulchan Aruch“ verfasste und unserem Studienhaus „Beit Joisef“ seinen Namen gab. Militärhistorisch ebenfalls bedeutsam ist Rosch haNikra – die nördlichste Spitze Israels. Die Eisenbahntunnel, die vor dem Unabhängigkeitskrieg eine Verbindung bis nach Tripolis ermöglichten, sind heute gesperrt – ebenso wie die Grenze in den Libanon.

Nach den doch eher kriegslüstern wirkenden Kreuzfahrern lobte der eine oder die andere sich dann doch die Bahá’í – eine religiöse Gemeinschaft, die wir in Akko kennenlernten. An der Bucht von Haifa befinden sich die zwei wichtigsten Heiligtümer der Bahá’í: In Haifa liegt der Gründer der Bahá’í-Religion, Seyyed ʿAli Muhammad Schirazi (1819-1859) – besser bekannt als „Der Bab“ – begraben. Der Religionsstifter, der sich selbst zum entrückten zwölften Iman erklärte, wurde ob seiner religiösen Ansprüche im Iran verfolgt und exekutiert. Noch zu Lebzeiten verwies er auf einen Propheten, der ihm nachfolgen wird: Baha’ullah (1817–1892), der im Exil in Akko gestorben ist. Die Bahá’í sehen sich als abrahamitische Religion. Sie treten für Gleichberechtigung, Bewahrung der Schöpfung und die Einheit der Menschheit ein. Weltweit gibt es rund sechs Millionen Gläubige. Wie man sich auch zum theologische Programm der Bahá’í stellt: Nach fünf Tagen Schlachten, Burgen und Massakern ist Weltfriede ein willkommenes Kontrastprogramm.

Darf auf Exkursionen nicht fehlen: die Klampfe - und Maria!

Darf auf Exkursionen nicht fehlen: die Klampfe – und Maria!

Neben den Erkundungen zahlreicher Burgruinen und einer kirchengeschichtlichen Einführung in die Kreuzfahrerzeit, die cineastisch durch „Das Königreich der Himmel“ meisterlich ergänzt wurde, kam auf unserer letzten gemeinsamen Exkursion auch die gemeinsame Zeit – sei es bei Kaffeepausen im Nationalpark oder abends mit einem Bier am Pool oder beim Dinner im Pilgerhaus in Tabgha – nicht zu kurz. Ein schöner Ausklang unserer dritten und letzten großen Exkursion, der viele jedoch auch wehmütig stimmt.

Über Mauern, Mauern, Mauern, eine Geisterstadt und die Entführung unserer Reiseleiterin

Es hat einen guten Grund, warum die Exkursion nach Hebron gen Ende eines Studienjahres erfolgt. Denn hier, in der Stadt, in welcher die Grabstelle der Erzeltern komemoriert wird, nimmt die Besatzung palästinensischer Gebiete durch die Israelis eine ihrer bizarrensten Formen an. Ein persönlicher Reisebericht.

Um die Besatzung präsent zu machen, greifen die Israelis zu fragwürdigen Mitteln. Das Festsetzen von palästinensischen Männern scheint noch eine der harmlosen Methoden zu sein. Foto: Breaking the Silence.

Um die Besatzung präsent zu machen, greifen die Israelis zu fragwürdigen Mitteln. Das Festsetzen von palästinensischen Männern scheint noch eine der harmlosen Methoden zu sein. Foto: Breaking the Silence.

„So haben für mich Palästinenser auszusehen“, meint Jehuda Schaul und wirft eine Aufnahme von vier palästinensischen Männern, die mit geknebelten Händen und verbundenen Augen in einer Reihe am Straßenrand kauern, auf die Leinwand. „Wenn dir auf der Straße einer entgegenkommt, der zu selbstbewusst ausschaut, dann setzt du ihn drei Stunden dort hin…“, erklärt der Ex-Militär. Nun ist Jehuda Schaul bei Weitem kein Rassist – sondern im Laufe seiner Dienstzeit beim israelischen Militär zynisch geworden: Als Kommandeur befehligte er die Truppen der israelischen Armee in Hebron. Die Aufnahmen, mit denen er seinen Gastvortrag Ende Januar im Beit Josef illustrierte – in der Regel haben wir jeden Mittwoch einen Gastvortrag, der sich politischen und landeskundlichen Themen widmet oder Theologinnen und Theologen, die hier im Land wirken, zu Wort kommen lässt – stammen aus ebendieser Zeit der Zweiten Intifada.

Um jeglichen Widerstand der palästinensischen Bevölkerung gegen die Besatzung ihres Landes durch die Israelis seit 1967 im Keim zu ersticken, führe das Militär seither des Nachts Razzien in Wohngebieten durch. „Man muss die Besatzung präsent machen“, formuliert Schaul die militärische Strategie der Israel Defence (!) Forces (IDF). Während der Intifada habe man in der dichtbesiedelten Stadt zur Abschreckung scharfes Geschützt eingesetzt, „von unserem Standpunkt aus konnte man die Angreifer gar nicht treffen, aber wir haben zur Abschreckung und Rache trotzdem gefeuert“. „Irgendwann wurde mir deutlich, was ich eigentlich tat“, sagte der Gründer der Organisation „Breaking the Silence“. Seit 2004 sammelt Schaul mit Mistreitenden Zeugnisse von ehemaligen IDF-Soldatinnen und –Soldaten über die Besatzung der palästinensischen Gebiete. „Breaking the Silence“ will die Verbrechen israelischer Soldaten an der palästinensischen Bevölkerung – neben Misshandlungen sind hier vor allem Plünderungen und Sachzerstörungen zu nennen – im Rahmen der Besatzung der Westbank dokumentieren. Nach Angaben von israelischen Menschenrechtsorganisationen musste nach der Zweiten Intifada die palästinische Bevölkerung 1014 Wohnungen räumen und mindestens 1829 Geschäfte und Betriebe im Stadtzentrum aufgeben.


Verlassen und dementsprechend surreal wirkt sodann auch das Stadtzentrum, das wir mit Tamar Avraham am Dienstag im Rahmen unserer Exkursionen zu Orten des israelisch-palästinensischen Konfliktes besuchten. Vorher umkreisten wir Bethlehem und warfen von mehreren israelischen Siedlungen aus einen Blick auf die Sperrmauer, welche die Stadt fest im Würgegriff zu haben scheint – immer dichter rücken die Isrealis an Bethlehem heran, sodass die Stadt ihr Wachstumspotential inzwischen ausgeschöpft hat. Der evangelische Pfarrer der Bethlehemer Weihnachtskirche, Mitri Raheb, weiß die Perspektivlosigkeit und den darin gärenden Hass in Bethlehem eindrücklich zu beschreiben. Ein bizarres Beispiel für die israelische Siedlungspolitik liefert etwa das Rahel-Grab, das direkt an die Stadt Bethlehem grenzt. Um ihren Anspruch auf das Grab zu manifestieren, haben die Israelis am Checkpoint 300 die Sperrmauer einigen Kilometer in die Stadt hinein getrieben. Faktisch befinden wir uns in Bethlehem, doch von der Stadt bekommen wir nur einige Dächer zu sehen, die sich hinter der großen, grauen Betonmauer erahnen lassen. Der Zutritt zum Rahelsgrab wird ausschließlich Israelis und Touris gewährt – die palästinensische Bevölkerung hat keinen Zutritt zu dem Grabmonument, dass sich direkt in ihrer Stadt befindet.


An einigen Dutzend Checkpoints und Pill Boxes, militärischen Observatorien, und illegalen Siedlungen vorbei – an vielen Orten haben die Israelis Netze am Straßenrand gespannt, um Steinwürfe zu verhindern, die Egged-Busse fahren hier auf der Strecke nur gepanzert – , erreichen wir nach einer halben Stunde den von Israel kontrollierten Bereich von Hebron. 1997 beschlossen die Israelis nach gewaltsamen Ausschreitungen zwischen der palästinensischen Bevölkerung und israelischen Siedlern die Teilung der Stadt in die Bezirke H1 (18 Quadratkilometer mit 120.000 EinwohnerInnen) unter palästinensischer Hoheit und H2 (4,3 Quadratkilometer – das Geschäftszentrum – mit 30.000 EinwohnerInnen) unter israelischer Hoheit. Was es mit dem „Olso“ [sic!]-Abkommen tatsächlich auf sich hat – darüber informieren die jüdischen Siedler auf Propaganda-Tafeln im Stadtzentrum. Es soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass die Briten die jüdische Bevölkerung nach den Massakern im Jahr 1929, bei denen 67 jüdische Menschen durch arabische Angreifende getötet wurden, evakuierten und erst 1967 wieder jüdische Menschen nach Hebron kamen. Entsprechende Ansprüche der arabischen Bevölkerung, die im Unabhängigkeitskrieg aus ihren Dörfern vertrieben wurden, verneint das Gesetz über den „Besitz der Abwesenden“ aus dem Jahr 1950 jedoch grundsätzlich. Auch hier scheint man mit zweierlei Maß vorzugehen.

Mit vereinten Kräften versuchen wir, den Bus in Gang zu bringen. Unter gendertechnischen Gesichtspunkten drängt diese Aufnahme jedoch einige Fragen auf ...

Mit vereinten Kräften versuchen wir, den Bus in Gang zu bringen. Unter gendertechnischen Gesichtspunkten drängt diese Aufnahme jedoch einige Fragen auf …

Im israelisch besetzten Teil von Hebron werden rund 800 israelische Siedler vom Militär bewacht: Checkpoints, Panzer, Patrouillen – und ein geschlossenes Stadtzentrum: ein unwirklicher Eindruck, der sich nicht aufhellt. Nach einem Besuch in den Patriarchen- und Matriarchengräbern, die heute geteilt sind in eine Synagoge für jüdische und in eine Moschee für muslimische Glaubende, treffen wir auf eine jüdische Siedlerin. Sie könne es nicht verstehen, warum die Araber in ihrer Stadt wohnen dürften, sagt sie. Noch unangenehmer ist uns eine Begegnung am Grab von Baruch Goldstein, der 1994 in der Ibrahim-Moschee bei einem Attentat 29 Menschen tötete und 125 verletzte. Vor dem unscheinbaren Sarg beteten zwei orthodoxe Juden und eine orthodoxe Jüdin, die ihr Gebet abbrachen, als wir kamen – jedoch nicht, ohne uns vor die Füße zu spucken.

Und dann gibt es trotz das Absurdität des politischen Konfliktes, die viele von uns lähmte, doch noch das Lachen über die Witze des Sohnes eines palästinensischen Shop-Besitzers, der pünktlich zur vereinbarten Abfahrtszeit in unseren Bus sprang und verkündete, er habe unsere Reiseleiterin entführt. Während wir also auf Tamar Avraham warteten, die kurzer Hand zum Mittagessen eingeladen wurde, unterhielt uns der junge Mann mit einigen Witzen über den Nahostkonflikt und – wo wir schon dabei waren, den Zeitplan neu zu definieren – als der Motor unseres Busses nicht ansprang, trommelte er seine Clique zusammen, um mit vereinten Kräften und zu helfen, das Vehikel zum Fahren zu bringen. So verlassen wir Hebron – niedergeschlagen und desillusioniert.

Yalla, Yalla: Das Studienjahr geht in seine zweite Runde…

Caspar, Melchior und Balthasar(a) dürfen am 6. Januar auch in der Dormitio nicht fehlen – die Sternsingenden, die hier zu Lande eine gar nicht allzu lange Reise auf sich nehmen mussten, um auf dem christlichen Sion den Segen „20+C*M*B+15“ der Abtei, dem Studienhaus und ihren Bewohnenden zu spenden. Die Weihnachtsferien – und damit verbunden bei einigen auch das Erschrecken darüber, dass die Hälfte unserer gemeinsamen Zeit bereits ins Land gestrichen ist – sind vorüber, das Sommersemester läuft an.

Die Kinderlein kommen: Auf dem Weg nach Bethlehem ... Foto: Bruder Simon Petrus

Die Kinderlein kommen: Auf dem Weg nach Bethlehem … Foto: Bruder Simon Petrus

Bereits vor den Ferien konnten wir uns mit Kommilitoninnen und Kommilitonen von „Studium in Israel“ am Garizim davon überzeugen lassen, dass wir in der 164. Generation nach Adam leben und noch einiges Wasser den Jordan runterfließen wird, bis der Messias kommt. Dass ihre die älteste Sprache der Welt sei, wo genau Mose das Volk durch die Wüste geführt hat und woran man ihre Stammesgenossen erkennt (an den Ohrläppchen) – die Samaritaner auf dem Garizim wissen es ganz genau. Die religiöse Gemeinschaft versteht sich als Nachfahrin der (nord)israelitischen Stämme Ephraim und Manasse – mehr noch als Bewahrerin (Schamerim) der vor-rabbinischen Traditionen. Da darf auch ein eigenes Heiligtum nicht fehlen – und es wundert nicht – oder gerade besonders – dass auch das Opferfest noch am Garizim begangen wird.

In den Ferien erlebten viele von uns ein ambivalentes Weihnachtsfest – einerseits fern von Familie und den gewohnten Traditionen, andererseits auch nah an dem Ort, an dem sich das Weihnachtswunder abspielte. Für mich fast schon zu nah: Nichts geht mehr. Die Schleuse rührt sich keinen Zentimeter. Die Ampel: Rot. Die Schlange wächst und wächst. Sechs Uhr morgens. Erster Weihnachtstag. Während der Rest der Welt friedlich schlummert und die Weihnachtsgans verdaut, stehen sich die in Jerusalem-Gebliebenen am Checkpoint 300 vor Bethlehem die Beine in den Bauch. Weihnachten in Jerusalem – da will man ihn nicht verpassen: den nächtlichen Fußmarsch nach Bethlehem. Nur zurück: Warten am Checkpoint – eine grenzwertige Erfahrung. Um fünf Uhr morgens legten wir in der Geburtsgrotte in Bethlehem die Rolle der diesjährigen Weihnachtsaktion mit über 50.000 Namen nieder. Die tagesschau berichtete über unseren Fußmarsch – ein unerwartetes Weihnachtsgeschenk.

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Caspar, Melchior und Balthasar schauen auch auf einen O-Saft in der Dormitio vorbei.

Der Koran ist als ein Text der Spätantike zu lesen – mit dieser These läutete Angelika Neuwirth die zweite Runde der christlich-islamischen Werkstattwochen ein. Zusammen mit Zishan Ghaffar beleuchtete die renommierte Koran-Forscherin die Entstehung des Korans, die sich als mündliche Verkündigung an den Propheten Mohammed vollzog und vor dem Hintergrund der Gemeindebildung im „Denkraum Spätantike“ betrachtet werden muss. Christliche Traditionen werden als Typologien im Koran aufgenommen – eine davon ist u.a. die Person Jesu Christi. Bereits in der  vorausgehenden Woche verglichen Ömer Özsoy und Felix Körner das Geschichtsverständnis im Christentum und Islam.

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Eines der Highlights unserer Werkstattwochen: Der Besuch auf dem Haram. Foto: Georg Seelmann.

Die christlich-islamischen Werkstattwochen, an der in diesem Jahr vier muslimische Studierende teilnahmen, zeichnen sich aber nicht nur durch ihren akademischen Rahmen, sondern auch durch zahlreiche persönliche Begegnungen aus. Gerade in Zeiten, in denen Nachrichten über PEGIDA über das Mittelmeer zu uns schwappen, kann der Wert interreligiöser Begegnungen nicht überschätzt werden! Und so ergaben sich beim Essen, auf einem Tagesausflug nach Bethlehem und Ramallah sowie am See Genezareth wertvolle Gespräche.

 

Darüber hinaus war ein weiteres Highlight der Werkstattwochen ohne Frage der Besuch auf dem Haram al-Sharif. Der Felsendom und die Al-Aqsa-Mosche, beide von den Umayyaden im Zuge der Eroberung Jerusalems errichtet und durch architektonische Elemente ebenfalls als „Relektüre“ der vorherigen monotheistischen Religionen verstanden: so stellen Sureninschriften in der Kuppel die Deutung Jesu als Prophet klar – sind seit zehn Jahren für Nicht-Muslime eigentlich nicht zugänglich, doch Dank Vitamin B durften wir dann doch einige Minuten lang hinter die große Portaltür schauen.

 

Unsere muslimischen Gäste sind noch nicht einmal auf dem Weg zum Flughafen, da geht das ehrgeizige Programm schon weiter: Heute führte uns Tamar Avraham zu einen weiteren Schauplatz des israelisch-palästinensischen Konfliktes: In Tel Aviv-Yaffo konnten wir die Entwicklung der „ersten hebräischen Stadt“ von der Gründung eines jüdischen Viertels in der arabischen Hafenstadt Yaffo Anfang des 19. Jahrhunderts über die Gründung einer Siedlung außerhalb der Altstadt – Newe Zedek 1885 – bis zur heutigen Großstadt nachvollziehen. Die Gründung Tel Avis verwirklichte einen zionistischen Traum – was dieses jedoch für die palästinensiche Vevölkerung bedeutet, zeigt die Zerstörung der Siedlung Al Manshiye, die dort lag, wo heute eine Strandpromenade zwischen den beiden Städten zum Flanieren einlädt – sowie der Internierung der verbliebenen palästinensischen Bevölkerung Yaffas. Der gigantische Wachstum der „hebräischen Stadt“ wurde auf der Rückfahrt im Bus deutlich – dort, wo heute downtown geschäftiges Treiben herrscht, wurden im letzten Jahrhundert  noch Orangen angeplfanzt.

Nun heißt es wieder Rucksäcke packen: Im Rahmen einer Südexkursion besichtigen wir morgen und am Donnerstag Arad, Beerscheba, Massada und Timna. Fortsetzung folgt…

Mit Punsch, Pita und unter Palmen in den Advent …

Wart ihr auch alle artig? Kirchenzucht kommt in einem samtweißen Mantel begleitet von zwei liebreizenden Engeln daher. Oder ist es doch nur der Nikolaus?

Wart ihr auch alle artig? Kirchenzucht kommt in einem samtweißen Mantel begleitet von zwei liebreizenden Engeln daher. Oder ist es doch nur der Nikolaus?

Mit Punsch, Pita und Falaffeln in den Advent ... Orientalischer Nikolausabend im Beit-Josef.

Mit Punsch, Pita und Falafeln in den Advent … Orientalischer Nikolausabend im Beit-Josef.

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, schallt es durch die evangelische Erlöserkirche in der Jerusalemer Altstadt. Die heißersehnten deutschen Adventslieder sind auch (oder gerade?) im Heiligen Land ein Muss! Doch auch die „Tochter Zion“ will sie dann nicht so richtig wecken, die launische Adventsstimmung, denkt der eine und die andere von uns, als wir nach dem Gottesdienst im T-Shirt der strahlenden Sonne entgegentreten. Mit Punsch unter Palmen in die besinnliche Jahreszeit? Auch der Adventsbasar der Erlöserkirche war eine Achterbahn der Adventsgefühle. Gut, rote Kerzen, Tannenzweigenduft und rote Bommelmützen machten auf dem traditionellen Dormitio-Nikolausabend einen vielversprechenden Anfang. Doch … was haben bitteschön die Falafel auf dem Tisch zu suchen?! Von diesem Kulturschock ließ sich der Nikolaus – der selbigen ja nur zu gut kennen sollte – nicht entmutigen und bescherte jede und jeden von uns mit einem Vierzeiler und einem Stutenkerl, auch Dambedai genannt. Wie man den Weckmann auch dreht und wendet: Diese Adventszeit ist besonders. Nicht nur, weil viele von uns sie nicht daheim verbringen können, sondern auch, weil sie hier völlig fehl am Platz wirkt – in der israelischen Gesellschaft spielt der Advent nämlich überhaupt keine Rolle. Es gibt keinen Weihnachtsmarkt in Jerusalem, keinen Adventsschmuck, keine Lebkuchen im Supermarkt – und letztes Jahr war wirklich mehr Lametta! Geduldig warten wir auf das Christkind, das viele von uns in der Stillen Nacht in Bethlehem besuchen wollen …

Auf der Suche nach der Rekonstruktionsschlange: Elf Tage unterwegs durch Galiläa

Was ist eine Rekonstruktionsschlange? Wie kommt Gamla zu seinem ungewöhnlichen Namen? Und wie funktionierte eine Ölpresse zur Zeit Jesu? Diesen und weiteren Fragen gingen wir auf unserer elftägigen Exkursion durch Galiläa, von der wir gestern wohlbehalten zurückgekehrt sind, auf die Spur. Ein kurzer Reisebericht.

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Gruppenfoto vor dem Wasserfal in Caesarea Philippi.

1. Tag: Im Morgengrauen führte uns am Dienstag der Weg durch das Jordantal nach Beth-Alpha. Hier, in die Nähe von Bet-Sche‘an, zeugt ein gut erhaltenes Mosaik in der aus dem 6. Jahrhundert stammenden Synagoge von einer reichen Bildtradition im spätantiken Judentum. Weiter ging‘s nach Bet-Sche‘an, einer vormaligen ägyptischen Ganisionsstadt. Auf dem Gipfel des Tell-el-Hösn eröffnete sich uns ein sagenhafter Blick über das Jordantal. Unten im römisch-hellenistischen Quartier der Stadt, wurde rekonstruiert, wie ein antikes Bad funktionierte. Abschließend nahmen wir Tabgha, unsere Heimat für die nächsten zwei Wochen, näher unter die Lupe. Hier, am Ufer des Sees Genezareth, soll das Brotvermehrungswunder stattgefunden haben.

2. Tag: In Bet-Schearim befassten wir uns am Mittwoch mit jüdischen Bestattungsriten. Zudem lässt sich an Bet-Schearim der Bedeutungszuwachs Galiläas nach dem Bar-Kochba-Aufstand zeigen: Im 2. Jahrhundert wurde die Stadt etwa zum Sitz des Sanhedrins. Zudem machte sich Rabbi Juda ha-Nassi hier um die Mischna verdient. In Caesarea Maritima begaben wir uns auf die Spuren Herodes des Großen – und beschlossen den zweiten Exkursionstag mit einem beherzten „Sprung“ in das Mittelmeer.

 

3. Tag: In Bar’am konnten wir nicht nur eine gut erhaltene Synagoge im frühen galiläischen Stil besichtigen (ohne Apsis und mit der Türfassade gen Süden gerichtet), sondern auch die Überreste eines palästinensischen Dorfes, das 1967 von der israelischen Armee zerstört wurde. Elias Chacour hat seine Erinnerungen in der Schrift „Und dennoch sind wir Brüder“ besonders eindrücklich zu Papier gebracht. In Caesarea Philippi baute Herodes vermutlich einen der drei Augustustempel (alternativ kann Omrit in Betracht gezogen werden), die später als Panheiligtümer genutzt wurden. Hierauf spielt das Christusbekenntnis in Mt 20,13-26 par. an. Ein von Militärsalven und einer mehr als grenzwertigen Propaganda-Erklärung durch die israelische Nationalparkbehörde getrübtes Ende fand der dritte Exkursionstag in Galiläa auf dem Har-Bental im Golan, den Israel 1967 annektierte. Perfiderweise serviert das Café Anan (!) hier an diesem surrealen Ort den besten Schokokuchen Galiläas.

4. Tag: Auf jesuanischen Spuren wandelten wir an unserem vierten Exkursionstag. Pilgerseelsorger Ludger Bornemann führte uns am Freitag durch Nazareth, wo wir nicht nur die bescheiden aber idyllisch lebenden Kleinen Brüder des Charles de Foucauld besuchten, sondern auch die wuchtige Memorialkirche über der Höhle, in welcher der Erzengel Gabriel der Maria erschienen sein soll. Die Werkstatt Josefs durfte in der israelischen Stadt mit dem höchsten arabischen Bevölkerungsanteil nicht fehlen. Nachmittags erklommen wir den Tabor, auf dem die Verklärung Jesu stattgefunden haben soll.

 

5. und 6. Tag: Das Wochenende nutzten wir für die Nacharbeit der besuchten Stätten, Spaziergängen auf dem Jesus-Trail sowie einer heißersehnten Abkühlung bei sonnigen 25 Grad Celsius im Pool des Pilgerhauses Beit Noah oder im See Genezareth. Am Sonnabend feierte die Bruderschaft in Tabgha mit vielen arabischen Christinnen und Christen das Brotvermehrungsfest – und plötzlich dudelte eine Dudelsackkapelle neben dem Pool fidel vor sich hin.

7. Tag: Zu Beginn der zweiten Exkursionswoche nahmen wir antike Synagogen unter die Lupe. Die mexikanische Archäologin Andrea führte uns am Montag in der Frühe durch das antike Magdala, wo derzeit eine Synagoge aus dem 1. Jh. n. Chr. ausgegraben wird. Besonders die moderne Kirche hat viele von uns beeindruckt. In Sephoris setzen Mosaike aus dem 5. Jh. v. Chr. den Nil sowie den griechischen Gott Dionysos in Szene, auf dem alten Cardo konnten wir noch Spielspuren und eine Menora entdecken. Wie zu biblischer Zeit Öl gepresst wurde, ließ sich in Chorazin studieren, in Kafarnaum luden uns nicht nur eine Synagoge aus dem 2./3. Jh. n. Chr. sowie das Haus des Petrus, sondern auch die untergehende Sonne über dem See Genezareth zum Verweilen ein.

 

8. Tag: Am Dienstag besichtigten wir Gamla, eine jüdische Siedlung, die 67 n.Chr. von den Römern zerstört wurde. Den Namen verdankt der Ort übrigens seiner topografischen Lage: Die Bergkuppe ragt wie ein Kamelhöcker aus dem Tal hervor. Und der Dickhäuter heißt bekanntlich in den semitischen Sprachen Gamal. In Gilgal-Refaim befassten wir uns mit astro-archäologischen Thesen, in Qatsrin konnten wir in einer avantgardistischen Filminszenierung die Entstehung und Theologie des Talmudes studieren. Eine zionistische Geschichtsschreibung ließ sich im örtlichen Museum „bestaunen“. Da brauchte der eine und die andere erst einmal eine „Golan Experience“ in der Golanbrauerei.

9. Tag: Um den See Genezareth herum, lassen sich besonders in Hippos zahlreiche christliche Spuren entdecken. In Kursi wurde schon in früher Zeit die Heilung des besessenen Geraseners kommemoriert. Anschaulich wird hier weiterhin die Zerstörung von figürlichen Darstellungen auf Bodenmosaiken, nur drei Vögel haben den Ikonoklasmus überstanden. Nach dem Aufstieg auf den Berg Arbel wurden wir am Mittwoch mit einem sagenhaften Blick über den See Genezareth belohnt.

 

10. Tag: Gunnar Lehmann, Professor für Archäologie in Be’er Scheva, führte uns durch Tel Dan, wo an einem Stadttor die berühmt berüchtigte Tel-Dan-Inschrift entdeckt wurde, die eine „Dynastie Davids“ im 8./9. Jh. v. Chr. nachweist. Hier und in Hazor lässt sich besonders der im syrischen Kulturgebiet verbreitete Kult am Tor studieren. In Betsaida findet sich eine Darstellung des Mondgottes Haran. An zahlreichen Beispielen gab uns Lehmann einen lebendigen Einblick in archäologische Methoden und Befunde. Abends ließen wir die Exkursion mit einer Grillparty ausklingen, Volontärinnen und Volontäre sowie die Brüder aus dem Kloster Tabgha waren mit von der Partie.

11. Tag: Über Jesreel und Meggido führte uns Gunnar Lehman gen Heimat durch die Jesreelebene. Einen letzten Stopp machten wir in Dor, einer Küstenstadt, die besonders durch ihren regen Handel für die Archäologie von Interesse ist. Nach einer Erfrischung im Mittelmeer ging es dann zurück nach Jerusalem, wo der Studienalltag jetzt auf uns wartet.

Obwohl sich einige Zweifel regten, haben wir die Exkursion trotz täglicher Exkursionspitot, eigenem Kredenzen und einer doch deutlichen Beschneidung der Privatsphäre überstanden. Der große „Krach“ in der Gruppe blieb aus, sodass es abschließend nur noch eine Frage zu beantworten gilt: Als Rekonstruktionsschlange bezeichnen der Archäologe und die Archäologin eine Betonschicht, die über erhaltenem Mauerwerk vor der rekonstruierten Schicht aufgetragen wird.